Das Wort ''Anamnese'' stammt aus dem Griechischen, ''anamnesis'' bedeutet Erinnerung.


Die Anamnese ist hiermit die Vorgeschichte eines Patienten bzw. einer Patientin. Weiters versteht man darunter auch das ärztliche oder psychologische Gespräch, welches der Erhebung der Krankengeschichte dient.

Die biopsychosoziale Anamnese erhebt die Entwicklungsgeschichte einer Symptomatik, wobei sie biologische, psychische und soziale Faktoren, die an der Entstehung und Aufrechterhaltung dieser Symptomatik beteiligt sind, berücksichtigt. Um die Anamnese in diesem Sinne durchführen und verstehen zu können, ist es notwendig, dass sich aus der Begegnung zwischen Arzt/Ärztin, Psychologe/Psychologin und Patient_In eine Beziehung entwickelt.

Somit wird deutlich, dass das ärztliche/psychologische Gespräch weit mehr ist als das reine Abfragen von Fakten - nämlich eine Kunst, die es zu erlernen gilt.

Die Anamnesegruppe möchte einen geschützten Raum anbieten, in welchem es möglich sein soll, sich einer Beziehung überhaupt bewusst zu werden, und Verantwortung für das Gelingen dieser Beziehung mit zu übernehmen. So führt das in Beziehung treten mit dem Patient_Innen im Rahmen der Anamnesegruppe fast unweigerlich zur Auseinandersetzung mit dem eigenen Rollenverständnis und der eigenen Persönlichkeit. 

 

Für Mediziner_Innen: Die ''Arztwerdung'':


Unter sekundärer Sozialisation zum Mediziner verstehen wir die „Arztwerdung“, also den mehrjährigen Entwicklungsprozess des Medizinstudenten während des Studiums und darüber hinaus, währenddessen er sich grundlegende berufliche Werte aneignet. Im Umgang mit Studienkollegen, Dozenten, Krankenhauspersonal und natürlich Patienten werden seine ethischen und sozialen Einstellungen speziell für die ärztliche Rolle geprägt.

In der Mitte der 50-er Jahre erschien eine Reihe noch heute äußerst aufschlussreicher Untersuchungen und Beobachtungen zur Sozialisation des Arztes.

Die damaligen Forscher kamen zu dem Ergebnis, dass Medizinstudenten im Laufe des Studiums eine Veränderung im Umgang mit Patienten zeigen, die sie bei manchen Studenten als Entwicklung einer „zynischen“ Einstellung deuteten. Die Studien wiesen darauf hin, dass Medizinstudenten ihr Studium im Vergleich zu anderen Studierenden überdurchschnittlich sozial und ethisch motiviert beginne, und dies als den attraktivsten Aspekt der Medizin ansehen, anderen helfen zu können, es jedoch überdurchschnittlich zynisch beenden, die Humanität als Wert immer niedriger einstufen und dann selbst glauben, dass sie sich so selten wie niemand sonst unter den Studentengruppen sorgenvolle Gedanken um andere Menschen machen, und dass zwischenmenschliches Interesse und Zuwendung keine Rolle im Umgang zwischen Arzt und Patient spielen. Spätere Untersuchungen bestätigten diese Ergebnisse sowohl für die USA als auch für Österreich, Deutschland, Israel und die Schweiz.

Dazu einige Gedanken: Im Laufe des Studiums sammeln Studenten eine große Zahl bewegender Erfahrungen und erleben Momente der Betroffenheit (z.Bsp.: Erste Hilfe, Sezierkurs, Obduktionen), die sie zu verarbeiten versuchen. Sie beschäftigen sich mit unzähligen Fragen, unter anderem mit der Frage, inwieweit sie anderen helfen können und wie sie hierzu die notwenigen Hilfsmittel erhalten. Da es im Unterricht wenig Platz für solche Fragen gibt, werden die Studenten damit allein gelassen. Sie entwickeln unterschiedliche Schutz- und Bewältigungsmechanismen, klammern die Gefühle die keinen Platz haben zunehmend aus, entwickeln sich zu distanzierten Behandlern, die bemüht sind, „objektive" Befunde zu erheben und die sich manchmal mit einem gewissen Zynismus gegen die Überforderung, die das Studium in der aktuellen Form mit sich bringt, wehren.

In der Anamnesegruppe bekommen die Studierenden die Möglichkeit, sich mit Fragen und Eindrücken auseinander zu setzen, die sonst auf der Strecke bleiben und können gemeinsam mit Kollegen ihr Spektrum an Bewältigungsstrategien erweitern. Daher kann die Anamnesegruppe ein wesentlicher Faktor im Prozess der Arztwerdung sein.