Lernziele der Anamnesegruppe

 


  • Lernen in der direkten Konfrontation mit der praktischen Situation

Da der Kontakt zu Patient_Innen im derzeitigen Studium erst relativ spät und nur in geringem Ausmaß vorgesehen ist, bietet die Anamnesegruppe ein begleitendes Angebot, um kommunikative Kompetenz zu erwerben. Wir denken, dass es weit sinnvoller ist, Student_Innen Rahmen zu geben, theoretisches Wissen in einer praktischen Situation selbst zu erarbeiten, als dieses Wissen theoretisch zu vermitteln, ohne dass Studierende je die Möglichkeit haben, dieses Wissen und die sich daraus ableitenden Fähigkeiten in einem geschützten Raum auszuprobieren.

 

  • Förderung einer tragfähigen Arzt-Patient-Beziehung

In der Anamnesegruppe wollen wir vermitteln, dass die Interaktionsebene zwischen Arzt/Ärztin und Patient_In ein wesentlicher Bestandteil der Arzt-Patient-Beziehung ist und dass dieser ebensoviel Bedeutung beigemessen werden muss wie der Informationsebene. Es ist unserer Ansicht nach wichtig, sich als Arzt/Ärztin als Partner_In der Patient_Innen zu verstehen.


  • Schulung der Gesprächskompetenz

Hier muss gleich anfangs erwähnt werden, dass es nicht darum geht, ein Anamnesegespräch nach einem bestimmten Schema möglichst perfekt abzuwickeln.  Viel mehr geht es darum, den Teilnehmer_Innen den Rahmen zu bieten, Gespräche mit den Patient_Innen nach eigenen Wertigkeiten zu führen. 

Ein weiterer Faktor ist, dass die Teilnehmer_Innen die Möglichkeit haben, auszuprobieren, auf welchem Weg sich ein positives Gesprächsklima herstellen lässt, das ein produktives Gespräch erleichtert bzw. erst ermöglicht.

Dieses Training mit seinen immer neuen Erfahrungen und Erlerntem führt so zu einem autonomen Wachstum der Kompetenz der Gesprächsführung. Damit dieses Training effizient ist, ist eine regelmäßige Teilnahme an den Gruppenabenden erforderlich.


  • Vermitteln eines biopsychosozialen Menschenbildes

Wir sind der Meinung, dass das Bild , welches wir uns von Patient_Innen machen, nur dem entsprechen kann, welches wir uns vom Menschen im Allgemeinen machen. Denn jede/r Patient_In ist Mensch, und vor allem: 

                                                       Welcher Mensch ist ( inklusive Arzt/Ärztin! ) kein/e Patient_In ?
 

Bei der Psychosomatik handelt es sich nicht um eine weitere Spezialisierung oder Vernachlässigung im Bereich des Beobachtens somatisch-biologischer Vorgänge, sondern primär darum, psychosoziale Hintergründe für die Ätiologie, Pathogenese, Verlauf und Prognose einer Krankheit ebenso ernst zu nehmen wie physikalische, chemische,  mikrobielle und immunologische Faktoren. 
 
 

  • Schulung der Empathie

Dazu gehört das Bemühen um die Erfassung des subjektiven Krankheitsempfindens der Patient_Innen. Da jeder Mensch aufgrund seiner individuellen Erfahrung und Geschichte verschiedene Veränderungen seines Körpers unterschiedlich erlebt, darf nicht davon ausgegangen werden, wie man selbst oder andere Patient_Innen diese Krankheit wahrnehmen. Was für den Patienten/die Patientin von Bedeutung ist, ist einzig seine eigene, subjektive Wahrnehmung.
 

In der Anamnesegruppe kann erfahren werden, wie anfällig das eigene Verhalten den gefühlsmäßigen Eindrücken den Patient_Innen gegenüber und umgekehrt ist.  Und wie sehr wir Ärzt_Innen und Psycholog_Innen im Umgang mit Patient_Innen in ihrer Person nicht nur ein diagnostisches Instrument besitzen, sondern sie mit ihrem Verhalten auch eine positive oder negative therapeutische Funktion ausüben. So beeinflusst der Arzt mit seinem Verhalten beispielsweise die Arzt-Patient-Beziehung, die Compliance, sowie die Motivation und das Vertrauen des Patienten. Über lange Strecken besteht der psychologische Umgang mit den Patient_Innen auch darin, emotionale Signale wahrzunehmen, emotionales Geschehen zuzulassen und zu probieren, bewusst damit umzugehen.
 

  • Affektives Lernen und Erfahrung affektiver Resonanz

Affektives Lernen und die Bewältigung affektiver Resonanz sind nur durch die Beziehung der Emotionen und der seelischen Belange von Patient_In und Arzt/Ärztin möglich. Es hat eine systematische Desensibilisierung der psychosozialen Aspekte stattgefunden, die sich bereits während des Medizinstudiums manifestiert. Studierende müssen oft persönliche Reaktionen auf Patient_Innen zurückstellen und nach einem von außen vorgegebenen Schema handeln. Oft übergehen wir dabei innere Regungen, die Gefühle der Patient_Innen, die auch eigene Probleme wiederspiegeln, und werden daher auch nach außen eher kalt wirken. So kommt es zu dem Phänomen, dass der Student während des Studiums vom „Heiler“ zum „Skeptiker“ und manchmal sogar zum „Zyniker“ wird. Als Ergänzung zum herkömmlichen Studium ermöglicht die Anamnesegruppe die Bereitschaft und Fähigkeit von psychologischem Verstehen von affektiven Resonanzen.


  • Lernen in der Gruppe

In der Anamnesegruppe soll die Brücke vom „Einzelkämpfer“ im Studium zum teamfähigen und interdisziplinär arbeitenden Mensch geschlagen werden. Die Kleingruppe stellt ein berufsbezogenes Modell für eine arbeitsteilige Medizin dar. Student_Innen sollen lernen, in und mit einem Team zusammenzuarbeiten, die einzelnen Gruppenmitglieder nicht als Konkurrent_Innen zu sehen, sondern als Bereicherung zu erfahren und von ihnen zu profitieren. So besteht für den Gesprächsführenden oder die Gesprächsführende die Möglichkeit, von den Gruppenmitgliedern ein Feedback zu hören. So kann er/sie viel über sich, das eigene Agieren und die eigene Wirkung auf andere erfahren.  Dabei kann das Augenmerk auf verschiedene Aspekte der Gesprächsführung  gelegt werden: 

Wie war das Gesprächsklima? Welche Fragen wurden gestellt?  Welche Fragen wurden vielleicht vergessen?  Wie wurden die Fragen gestellt (offen/geschlossen)? Wie wurde die nonverbale Kommunikation interpretiert?

Die Gruppe kann weiters als diagnostisches Mittel, welche die Problematik des Patienten/der Patientin wiederspiegelt, gesehen werden.

Es kommt zu einer problembezogenen Bearbeitung im Team, zu reflektiertem Interagieren, konstruktiver Bewältigung der eigenen Betroffenheit. Dies erfolgt mit Hilfe und im geschützten Rahmen der Gruppe zusätzlich zur gemeinsamen Reflexion.


  • Selbstreflexion

Durch die Konfrontation mit Patient_Innen werden Gruppenmitglieder zunehmend mit der starken Diskrepanz zwischen Ansprüchen an ihr Ideal, und ihrer Realität, die zumeist durch ein ausgeprägtes Insuffizienzgefühl charakterisiert ist, konfrontiert. Die Kluft zwischen Anspruch und Wirklichkeit in der Medizin wollen wir in der Anamnesegruppe mit der Möglichkeit der Selbstreflexion überwinden. 


Wie viel Emotion kann ich bei mir zulassen und dabei arbeitsfähig bleiben? Wie kann ich mich an meinen Grenzen verhalten? Wie kann ich Grenzen setzen? Wie viel Beziehung will ich? Wie beziehungsfähig bin ich? Wie gehe ich mit schwierigen Themen wie zum Beispiel chronischen Erkrankungen, Tod, Sterben, Suizidalität, Aggressivität, Sexualität, Angst, Sucht sowie den damit zusammenhängenden ethischen Fragen um?